Eurythmie

Dichtung und Musik, Tanz und Schauspiel gehören von jeher zum Menschen. Eine neue Kunst jedoch braucht lange, um zur Reife zu gelangen. Die Eurythmie, eine von Rudolf Steiner geschaffene Kunstform, ist in den allerersten Anfängen, ein Anfang, der seine Reife erst noch haben wird.

„Wenn es gelingt, sich durch die künstlerischen Mittel mit ihren Gesetzen frei zu fühlen im künstlerischen Schaffen, kann in der Hingabe und der Identifikation mit dem Kunstmittel ein individueller und existentieller Ausdruck entstehen, der auch wahrheitsgemäß ist. Die menschliche Gebärde des Seins und Werdens ist die Gebärde des Atems, des Lebens: Zusammenziehen und Ausdehnen. Sie bildet die Grundlage für alle menschlichen Bewegungen. Die Eurythmie ist auch aus dieser Urgebärde hervorgegangen. Aus ihr lässt sich alles in der Eurythmie Gesetzmäßige entwickeln.“

Werner Barfod, ehemals Leiter der Sektion für Redende und Musizierende Künste am Goetheanum

Eurythmie macht Qualitäten als Gebärden sichtbar. Qualitäten, die sich mit dem Laut der Sprache oder dem Ton in der Musik als Kräfteformen im Unhörbaren ereignen. Im Unterschied zu Tanz und Schauspiel will Eurythmie nicht Emotionen, Gedanken oder technisch anmutige Körperbeherrschung vermitteln, sie ist nicht Bewegung nach Musik oder Interpretation erzählender Inhalte. Eurythmie will das Lied, das in allen Dingen lebt, künstlerisch zum Ausdruck bringen – aus der Erkenntnis, dass in der Musik, und mehr noch in der Sprache, die gleichen geistigen Kräfte zu Hause sind, die in der Natur die Formen des Lebendigen und die Physiognomie des Seelischen ermöglichen.

„Wenn man Eurythmie sieht, sieht der eine nur sich bewegende Arme, der andere die Sprache der Engel. Beides stimmt nicht so ganz. Geist und Materie fallen auseinander. Aber wir können die Trennung aufheben – aktiv. Das ist die Kunst, dass konkret wird, was ich nicht sehe und was doch ständig wirkt.“

Gloia Falk, Eurythmistin am Goetheanum

Erscheint Eurythmie auf der Bühne und lässt sich der Zuschauer auf sie ein, so sieht er eine Welt der Kräfte in Bewegung, die sich zunächst der Deutung verschließt. Aber es bewegt sich beim Zuschauer etwas im Inneren mit, ein Echo entsteht. Eurythmie erschließt eine Welt, die sich der Sichtbarkeit normalerweise entzieht. Menschen, die Grenzerfahrungen suchen, nehmen heute gewöhnlich Extremsportarten, Drogen oder anderes zu Hilfe. Eurythmie führt ebenfalls zu Grenzerfahrungen, aber zu anderen, zu Grenzen zwischen der physischen und der unmittelbar an sie angrenzenden geistigen Welt.

Eurythmie kann, da sie es mit realen Kräften zu tun hat, auch hygienisch und heilend wirken. So entwickelte sich neben der Bühneneurythmie die pädagogische Eurythmie und als künstlerische Therapierichtung die Heileurythmie. Ihre Wirksamkeit wird nicht nur zunehmend geschätzt, sie ist auch nachweisbar.

Literatur

  • Rudolf Steiner, Eurythmie als sichtbare Sprache, GA 279, Dornach 1990, Eurythmie als sichtbarer Gesang, GA 278, Dornach 2001
  • Werner Barfod, Die drei Urphänomene eurythmischen Bewegens, Dornach 1996
  • Thomas Göbel, Eurythmie als erlebte, gestaltete und wirksame Gebärde, Dornach 1999
  • https://eurythmie-info.de???