Heilpädagogik und Sozialtherapie

Menschen mit Behinderungen bringen das Menschliche oft beeindruckend zum Ausdruck. Sie verunsichern durch ihre Lebensbedingungen, ihre Bedürftigkeit und Eigenart – sie rufen ein Gewissen wach, das darum weiß, dass der Mensch mehr ist als eine Erscheinung.

Sie lehren uns das auszubilden, was eigentlich jeder zu einer gesunden Entwicklung braucht: Liebe. In der heilpädagogischen Praxis wird nur der erfolgreich sein, der diese liebevolle Empfänglichkeit für den anderen wenigstens ein Stück weit zu verwirklichen vermag. Im Umgang mit dem Gedanken von Wiedergeburt und Schicksal entsteht die Gewissheit, dass es Möglichkeiten des Ewigen gibt, sich im Zeitlichen in einer behinderten Form zu zeigen. Wer mit solchen Gedanken lebt, wird das Ewige im anderen suchen und darauf tätig.

„Menschen mit Behinderungen haben mit enormen Widerständen zu kämpfen. Was am Widerstand entwickelt wird, ist zu einem höheren Maße, Eigentum einer Persönlichkeit, als was ich en passant aufnehme. Da entsteht oft eine hohe personale Kompetenz. Wenn Sie alten Menschen mit Behinderung begegnen – sie können vielleicht nicht mehr, als das, was andere Kinder gekonnt haben -, bemerken Sie, dass sie in ihrer Persönlichkeitsausstrahlung unglaublich präsent sind. So wird man nicht, ohne bestimmte Erfahrungen gemacht zu haben. Und diese Erfahrungen sind nicht einfach. Die Nicht-Kongruenz von Persönlichkeit und Leiblichkeit kann zur Verzweiflung, aber auch zu einer wirklich königlichen Erscheinung werden.“

Rüdiger Grimm, Leiter der Konferenz für Heilpädagogik und Sozialtherapie der Medizinischen Sektion am Goetheanum

In vielen hundert heilpädagogischen und sozialtherapeutischen Einrichtungen auf der ganzen Welt werden Menschen begleitet, die in einer schwierigen seelischen oder leiblichen Situation aufwachsen und leben müssen. Allen gemeinsam ist das Motiv, Menschen mit Behinderungen als autonome geistige Wesen so zu fördern, dass sie in ihrem Leben die unverwechselbare Erfahrung machen können, die ihnen gerade durch ihre besonderen Bedingungen möglich wird. So entstehen menschenwürdige Verhältnisse; Keime werden gelegt.

Damit gewinnt diese Arbeit in einer Gegenwart an Bedeutung, die Behinderung und Krankheit mehr und mehr als genetisch auszuschließenden Fehlentwicklung auffasst. In Zeiten von Sparmaßnahmen wird es zunehmen schwierig, einen Standard von Begleitung aufrecht zu erhalten, der unabdingbar ist. Eine Gesellschaft, die nicht die Kostbarkeit von Menschen mit Behinderung versteht und anerkennt, dass sie ihnen gegenüber Verpflichtungen hat, verletzt die Menschenwürde. Anthroposophische Heilpädagogik ist daher ein Ort engagierter Menschlichkeit in unserer Zivilisation.

Literatur

  • Rudolf Steiner, Heilpädagogischer Kurs, GA 317, Dornach 1995
  • Rüdiger Grimm (Hg.), Neues kommt nicht von selbst, Dornach 1999
  • Angelika Gäch (Hg.), Phänomene des Wandels. Wozu Heilpädagogik und Sozialtherapie herausgefordert sind, Luzern 2004
  • https://inclusivesocial.org/