Geschichte

Vorgeschichte 1902-1912

Rudolf Steiner wird 1902 Generalsekretär der Theosophischen Gesellschaft in Deutschland und findet dort Interesse für seine Anliegen: aus geistig-meditativer Praxis kulturell-sozialgestaltend zu arbeiten. Aufbau der Theosophischen Gesellschaft im deutschsprachigen Raum, europaweite Vortragstätigkeit und grundlegende Werke zur Anthroposophie. In den „Mitteilungen für die Mitglieder der Deutschen Sektion der Theosophischen Gesellschaft“ vom Dezember 1910 werden 47 Zweige angeführt. Neben der überwiegenden Anzahl in Deutschland, werden auch solche in der Schweiz und in Österreich genannt – Wien und Klagenfurt (Klagenfurt hatte damals 22.000 Einwohner).

Gründung der Anthroposophischen Gesellschaft und erste Kulturinitiativen 1912-1923

Am 28. Dezember 1912 Gründung der Anthroposophischen Gesellschaft in Köln mit ca. 3.000 Mitgliedern. Zweige folgten Rudolf Steiner in die Anthroposophische Gesellschaft, auch jener in Wien und in Klagenfurt. Vielfältige künstlerische Tätigkeiten: 1910-1913 Sommerfestspiele in München mit Aufführungen von den „Mysteriendramen“. Unter Mitarbeit von Künstlerinnen und Künstlern aus allen europäischen Ländern entsteht während des Ersten Weltkrieges das erste Goetheanum in Dornach bei Basel. Im Nachkriegsdeutschland werden Vorschläge zu einer „Dreigliederung des sozialen Organismus“ vertreten. 1919/20 werden die erste Waldorfschule i Stuttgart gegründet und Ansätze zu einer anthroposophisch erweiterten Medizin vorgestellt. Das erste Goetheanum wird Silvester 1922/23 durch Brandstiftung zerstört.

Neustrukturierung und Vertiefung – Gründung der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft 1923-1925

Die internationale Entfaltung und das Wachstum der Aktivitäten der Gesellschaft machen Restrukturierungen notwendig. In 15 Ländern bestehen Landesgesellschaften und weitere Landesgruppen mit ca. 12.000 Mitgliedern, die sich an der Weihnachtstagung 1923/24 zur Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft formieren. Rudolf Steiner gründet die Freie Hochschule für Geisteswissenschaft als initiativen und verantwortlichen Kern der Gesellschaft. Der Beschluss zum Wiederaufbau des Goetheanum als Mittelpunkt der Aktivitäten wurde 1923 gefasst. Grundlagen der biologisch-dynamischen Landwirtschaft und der anthroposophischen Heilpädagogik werden gelegt.

Differenzierung und Weltkriegssituation 1925-1945

Am 30. März 1925 stirbt Rudolf Steiner. Der Schweizer Dichter Albert Steffen wird Vorsitzender der Gesellschaft. Die angelegten Neustrukturierungen bleiben fragmentarisch, die weltweiten Kulturinitiativen entfalten sich. Im Herbst 1928 wird das zweite Goetheanum eröffnet. Am 1. November 1935 Verbot der deutschen und österreichischen Landesgesellschaft und der Zweige durch die Nationalsozialisten. Im Geheimen wurde weiter gearbeitet. Marie Steiner inszenierte am Goetheanum 1938 Goethes „Faust“ in beiden Teilen ungekürzt (Welturaufführung). Die Aktivitäten werden durch den Krieg erheblich eingeschränkt.

Aufbau und Konsolidierung 1945-1968

Am 2. Oktober 1946 kommt es zur Neugründung der Anthroposophischen Gesellschaft, Fercher von Steinwand-Zweig, Klagenfurt (Rudolf Steiner kannte und schätzte diesen Dichter aus dem Mölltal. Er verlieh daher 1910 persönlich dem Zweig Klagenfurt diesen Namen). Weltweit entstehen Kulturzentren, Einrichtungen, Seminare und Ausbildungsstätten anthroposophisch orientierter Pädagogik, Landwirtschaft, Heilpädagogik, Kunst etc. Grundlagen für ein anthroposophisch erweitertes Bankwesen werden ausgearbeitet.

Ausbreitung und Professionalisierung 1969-1989

Generationenwechsel. Im Zuge der allgemeinen gesellschaftlichen Umbrüche finden anthroposophisch erweiterte Medizin, Pädagogik, Heilpädagogik und Landwirtschaft mit Kliniken, Schulen, Heimen, Höfen und entsprechenden Ausbildungsstätten vermehrt Anerkennung in allen Erdteilen. Kulturinitiativen in sozialen Brennpunkten wie Südafrika, Südamerika, im Strafvollzug, in der Suchttherapie usw. entstehen. Eine regionale und internationale Tagungskultur wächst.

Reformen und Identitätsfragen 1990 bis heute

Die Anfang des 20.0 Jahrhunderts im anthroposophischen Kontext gestellten Fragen sind heute gesellschaftliche Grundproblematik der zivilisierten Welt. Eine partielle Integration der anthroposophischen Ansätze in das allgemeine kulturelle Leben zeichnet sich ab. Ein zeitgemäßes Anknüpfen an die Gründungsimpulse der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft bildet einen Schwerpunkt im Ausbau der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft und in den Reformbestrebungen in der Anthroposophischen Gesellschaft. Heute umfasst die Anthroposophische Gesellschaft ca. 50.000 Mitglieder, Gruppen sind in 78 Ländern tätig. Weltweit arbeiten ca. 10.000 Einrichtungen auf anthroposophischer Grundlage.