Freie Hochschule für Geisteswissenschaft

Die Freie Hochschule für Geisteswissenschaft mit ihrer Gliederung in Fachsektionen bildet den Mittelpunkt der Anthroposophischen Gesellschaft. Existentieller als zu Beginn des 20. Jahrhunderts stellt sich heute die Frage, welches Verhältnis der Mensch zu seinem Denken hat. Wird es unabhängig von der moralisch-ethischen Stellung zur Welt und losgelöst von der Selbstbestimmungsfähigkeit des Menschen genutzt oder willentlich in ihren Zusammenhang gestellt? Der anthroposophische Hochschulgedanke verbindet Menschen, denen die Erkenntnisfrage zugleich Lebensfrage ist – und umgekehrt.

Ausgangspunkt anthroposophisch orientierter Geisteswissenschaft ist immer die Schätzung und Beherrschung des logisch-intellektuellen Denkens; es wird durch konsequente Übung der Beobachtung und Reflektion verstärkt und durch Meditation vertieft. Die Stimme des Gewissens antwortet auf die Gedanken – und wenn ich sie ernst nehme, gebe ich ihnen eine andere Richtung: ich denke anderes anders. Meine Handlung wird nicht die gleiche bleiben.

„Wenn dieser innere Entwicklungsweg – und er kann vom Standpunkt der Anthroposophie nur individuell begonnen und begangen werden – tatsächlich gegangen wird, führt er in das Soziale, und seine Früchte müssen im Leben sichtbar werden.“

Sergej Prokofieff, Vorstandsmitglied der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft, Goetheanum

Die Freie Hochschule für Geisteswissenschaft hat ihren Sitz am Goetheanum. Sie findet auch überall dort statt, wo Menschen sich entschieden haben, ihren inneren Entwicklungsweg nicht losgelöst von ihrem Engagement für die Nöte der Zeit zu sehen – und in diesem Sinne mit anderen zusammen zu arbeiten.

„Meditation ist dieser Vorgang, dass ich Geistes-Interesse entwickle und auch betreibe und dass ich feststelle, wie die Kräfte, die davon ausgehen, bei mir im Leben wirken.“

Wolf-Ulrich Klünker, Vorstandsmitglied der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft in Deutschland

In der Allgemeinen Anthroposophischen Sektion der Hochschule werden grundlegende Themen und Fragen behandelt, mit denen Menschen unabhängig von ihrer fachlichen Orientierung umgehen, einfach weil sie Menschen sind. Es sind Fragen nach Schicksal und Wiedergeburt, nach dem Sinn des Lebens, Fragen nach Religion, geisteswissenschaftlichem Studium und Meditation. In ihr finden auch alle Themen einen Platz, die mit dem zeitgenössischen Diskurs, mit Entwicklung und Sozialität, mit Menschen- oder Gegenwartsverständnis zu tun haben. Wie viel und was geschieht, hängt von der Initiative und Kompetenz der Beteiligten ab.

„Die anthroposophische Idee von Reinkarnation und Karma sucht keine Erklärbarkeit aus der Vergangenheit – sie verstärkt vielmehr das Verantwortungsgefühl für die Zukunft und entwirft eine neue Dimension der Sozialität.“

Bodo v. Plato, Vorstandsmitglied der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft, Goetheanum

Fachsektionen arbeiten gegenwärtig auf folgenden Gebieten: Pädagogik, Medizin, Landwirtschaft, bildende Künste (Architektur, Plastik, Malerei), Zeitkünste (Schauspiel, Eurythmie, Sprachgestaltung, Musik, Figurenspiel), Naturwissenschaft, Mathematik/Astronomie, Schöne Wissenschaften, Sozialwissenschaften und Jugend.

„Meine tägliche ärztliche Arbeit hält mich auf dem Boden der Realität. Und die Realität korrigiert mich. Die Hochschule existiert für mich dadurch, dass ich geistige Bezugspunkte finde zu dem, was ich erlebt habe, so dass mir plötzlich aufgeht: das habe ich ja erlebt. Ich lerne die andere Seite kennen, den Zusammenhang.“

Selja Zimmermann, Kinderärztin in Finnland

Grundlage der Hochschularbeit in der Allgemeinen Anthroposophischen Sektion und den zehn Fachsektionen ist ein mantrisch-meditativer Lehrgang, den Rudolf Steiner unmittelbar nach der Gründung der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft für deren Mitarbeiter hielt. Aufgabe der Freien Hochschule für Geisteswissenschaften ist die Forschung auf geistigem Gebiet, die Anregung und Koordination sowie die Weiterbildung in anthroposophisch orientierten Arbeitsfeldern.

„Das Ziel der Anthroposophischen Gesellschaft wird die Förderung der Forschung auf geistigem Gebiete, das der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft diese Forschung selbst sein. Eine Dogmatik auf irgendeinem Gebiet soll von der Anthroposophischen Gesellschaft ausgeschlossen sein.“

Aus den Statuten der Anthroposophischen Gesellschaft

Voraussetzungen zur Hochschulmitgliedschaft sind die Vertrautheit mit den Grundlagen der Anthroposophie und eine meditative Praxis im Sinne der anthroposophischen Geisteswissenschaft; ferner die Bereitschaft zur Zusammenarbeit, zu einem Engagement für die Anthroposophische Gesellschaft und zu einer Repräsentanz der Anthroposophie.

Literatur

  • Rudolf Steiner, Die Konstitution der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft und der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft. Der Wiederaufbau des Goetheanum, GA 260a, Dornach 1987
  • https://goetheanum.ch